„Ich greife immer daneben“, sagt Karl, als er zur Klavierstunde kommt, „wie soll ich nur damit umgehen?“ Verzweifelte Blicke begrüßen mich an diesem Tag.

Sag, kennst du das auch? Greifst du auch „immer daneben“? Wie gehst du damit um?

Lass uns das mal gemeinsam ansehen. Ich gebe dir nun eine „ganz persönliche Klavierstunde“, ok?

„Du hast mir gesagt, du würdest gern _____ spielen können.“

Seit vielen Jahren hast du diesen Wunsch und es liegt dir wirklich viel daran, dieses Stück zu können. (Das könnte das „Regentropfen-Prelude“ von Chopin, „Asturias“ von Isaac Albeniz für Gitarre oder „My Way“ von Frank Sinatra sein.)

Was immer es ist, hier sind die Noten, hier dein Instrument und hier deine 10 Finger.

Also spiel mir bitte das Stück vor….

Du schaust mich jetzt verwirrt an und sagst: „Aber ich kann ja nicht vom Blatt spielen.“

Moment mal, du kannst diesen Text hier flüssig lesen und musst auch nicht vorher üben, ihn zu lesen. Warum sollte das bei Noten anders sein?

Sehen wir uns das genauer an. Was ist hier so anders?

Was findest du in den Noten?

Du findest Töne mit bestimmten Tonhöhen und bestimmten Tonlängen, die mit bestimmten Fingern gespielt werden. Das wäre abgesehen von Lautstärke und Betonung alles.

  1. Let’s keep it simple.

Für jede Note 1 Minute!

„Sagen wir, du hättest für jede Note 1 Minute Zeit, sie zu lesen, auf deinem Instrument zu finden und zu spielen. Würdest du das schaffen?“

„Ja. Klar“, sagst du.

„Würdest du da irgendwelche Fehler machen, dich verspielen oder daneben greifen?“

„Nein, vermutlich nicht.“

„Super. Dann ist das DEINE Geschwindigkeit.“

Beginnst du in der Fahrschule mit einer Geschwindigkeit von 130 km/h? Natürlich nicht. Und warum sollte dies in der Musikschule anders sein?

Genau!

Was hat das für Vorteile, ein Stück langsam zu spielen?

  1. Du machst keine Fehler.
  2. Du spielst es EXAKT.
  3. Deine Selbstsicherheit ist WEIT OBEN!

Und genau das brauchen wir:

100% Genauigkeit.

Das ist deine oberste Priorität, abgesehen von mentaler und körperlicher Entspanntheit

Spielst du jetzt das ganze Stück von Anfang bis Ende durch?

NEIN, natürlich nicht!

Du beginnst mit dem ersten Takt.

Und so spielst du den ersten Takt:

  1. Du liest den ersten Takt Note für Note, Schlag für Schlag, Finger für Finger. Dann noch einmal und dann noch einmal, bis du den Takt flüssig lesen kannst.
  2. Dann spielst du den ersten Takt TROCKEN, OHNE Ton! Klingt vielleicht sonderbar, aber du lässt dich dadurch nicht von Klang ablenken und kannst dich voll aufs Lesen und die Bewegung deiner Finger konzentrieren.
  3. Zuletzt spielst du den 1. Takt mit Ton. Und o Wunder! Alles ist richtig!

Und so geht es weiter Takt für Takt.

Jetzt gehst du zum zweiten Takt und verfährst genauso, dann zum dritten Takt etc. etc.

Wenn deine Übungsperiode zu Ende ist, klopfst du dir auf die Schulter und bestätigst dich für das, was du in dieser Zeit geschafft hast!

Am nächsten Tag beginnst du NICHT wieder beim ersten Takt, sondern genau dort, wo du am Vortag aufgehört hast.

So LERNST du mit 100% Selbstsicherheit, du baust Sicherheit auf und spielst immer richtig und bist am GEWINNEN und machst schnelle Fortschritte.

Troubleshooting

Frage: Was mache ich, wenn ich daneben greife?

Antwort: Du spielst zu schnell! Spiele diese eine Stelle (diesen Takt oder diesen halben Takt) halb so schnell. Solltest du wieder daneben greifen, spielst du im halben Tempo vom letzten Mal und so weiter, bis du ein Tempo gefunden hast, in dem du diese Stelle 100% genau und richtig spielen kannst.

Frage: Was mache ich, wenn ich ein Symbol in den Noten nicht kenne?

Antwort: Werde neugierig. Schlag in deinem Musikwörterbuch nach, frag „Mr. Google“, recherchiere so lange, bis du dieses Symbol vollständig verstehst.

Frage: Was mache ich, wenn ich ungeduldig werde?

Antwort: Zertrümmere dein Instrument nicht! 😉 Gehe zu dem Tempo zurück, bei dem es noch gut gegangen ist. Spiele die Stelle in diesem Tempo, bis du sehr zufrieden damit bist und du die Stelle flüssig spielen kannst. Dann kannst du allmählich das Tempo erhöhen. Es könnte auch sein, dass es in diesem Stück ein Symbol gibt, das du nicht verstehst, vielleicht ein Betonungszeichen oder ein Lautstärkezeichen oder ein Rhythmussymbol. Was auch immer es ist, finde eine brauchbare Definition dafür.

Frage: Was mache ich, wenn ich frustriert werde?

Antwort: Bestätige dich für das, was du schon geschafft hast. Setze dir ein realistisches, erreichbares Ziel für die nächste kleine Übungsperiode und arbeite daran, dieses Ziel zu erreichen.

So, das war’s für heute.

 

Hast du etwas Neues gelernt?

Hast du noch Fragen?

Dann antworte mir bitte.

Ich freue mich immer, von dir zu hören.

Liebe Grüße

Gerd

PS: Wenn du noch eine „Musikstunde“ mit dem „GROSSEN MEISTER“ Duncan Lorien haben willst, möchte ich dich zum nächsten Musik-Verstehen-Seminar vom 18. bis 20. Oktober einladen. Bis Ende Juni gibt’s noch einen super Frühbucherrabatt! Melde dich hier an: https://www.musikverstehen.net/improvisieren-und-begleiten/