Ab wann ist man „Musiker“?

Ich möchte Ihnen heute von einer sehr persönlichen Erfahrung schreiben, die mir wichtig ist, Ihnen mitzuteilen. Denn vielleicht haben Sie das auch auf ähnliche Weise erlebt.

Wenn ich so erzähle, was ich in meinem Leben mache, fragt man mich oft: „Bist du Musiker?“

Ich weiß dann nicht wirklich, was ich sagen soll, und werde verlegen. Zuletzt sagte ich einfach: „Ja.“

Irgendwie fühlte ich mich aber komisch und fragte mich, was da los ist. Ich organisiere Musikseminare, unterrichte Musik, bringe Leuten Musiktheorie bei, spiele Orgel bei Messen. So, bin ich jetzt Musiker oder nicht?

Ich sah mir das an und da fiel mir ein, dass ich Bilder von Musikern hatte, die mit mir als Musiker nicht übereinstimmten. Da gibt es den Pianisten, der so wunderschön Chopin spielt. Oder denjenigen, der einem einen Hit nach dem anderen vorspielt. „Das bin ich nicht! Also bin ich kein Musiker!?!“

Wie nennt man das? Ich würde sagen:

Selbstabwertung

Ich denke, dieses Phänomen ist so weit verbreitet, dass es eine der Hauptursachen für Versagen oder Fehlschläge bei Musikern ist, und ich glaube nicht, dass das wirklich voll verstanden wird. Man nimmt das, was andere für richtig ansehen. Es stimmt aber nicht mit den eigenen Ideen überein. So wird das, was einem wichtig ist oder einem was bedeutet, vom Wert her vermindert, abgewertet, abgelehnt oder falsch gemacht. Und wie fühlt man sich dann?

Die Menge an Dingen, die man abwerten könnte, ist riesig: das eigene Talent, das Können, die eigenen Erfolge, die eigenen Ziele, Ideen, Wünsche, Pläne, Vorhaben. Es kann auch die Wichtigkeit, die man einer Sache schenkt, abgewertet werden. Und man kann sich dann davon abwenden. Oder man fühlt sich schlecht, weil man dadurch anderes vernachlässigt, die Familie, die Kinder, den beruflichen Fortschritt.

Ich möchte Ihnen noch ein Beispiel von mir geben, das dieses Phänomen noch klarer macht:

Vor einiger Zeit habe ich entschieden, eine bestimmte Anzahl von Stücken wirklich zu meiner vollen Zufriedenheit zu lernen, und begann Unterricht bei einer Konzertpianistin zu nehmen. Ich übte jeden Tag mindestens eine Stunde und machte gute Fortschritte. Und es machte Riesenspaß!

Dann kam ein Punkt, wo auf einmal alles den Bach runterlief: Ich sag mir an, was meine Lehrerin konnte und dachte mir: „Du liebe Güte, das werde ich nie schaffen!“
Und so ging es weiter, ungefähr mit diesen Ideen: „Ach, das Klavierspielen ist ohnehin nicht so wichtig!“
„Da brauche ich viel zu viel Zeit, um das zu erreichen.“
„Andere können das viel besser!“
„Ich werde sowieso nie ein Konzertpianist werden.“
„Das ist nicht das, was ich wirklich will.“

Und wissen Sie was, was passiert ist?
In dem Moment war meine tägliche Übungszeit von 1 Stunde auf null reduziert.

Und womit begann es? Mit Abwertung.

Ich glaube, Sie verstehen, wohin ich hinauswill. Lassen Sie das nicht zu! Und wenn es passiert ist, erkennen Sie es. Und vielleicht geschieht ein Wunder…

Ich wünsche es Ihnen. Viel Spaß!

Herzliche Grüße

Gerd Pölzl